Ensemble die sTrotzenden

 

Wir die Selbsthilfegruppe der „sTrotzenden“ sind alles Menschen mit Erfahrungen im Umgang mit Krebs. 

Zielsetzung der Arbeit der Theatergruppe ist eine konkrete Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken, Kompetenzen und der Frage, wie wir mit den Folgen der Erkrankung in ein eigenverantwortliches Leben zurückkehren.
Dabei ist auch hier „Humor“ die beste Medizin. Wir arbeiten mit den komischen Mitteln des Theaters, bringen uns in Bewegung , zum Spielen und Lachen. Es geht um Empowerment und um die Möglichkeit sich zu zeigen und sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. 

Wir lassen Lebens- und Spielweisen aufeinanderprallen, wir scheuen keinen Tabubruch und widmen uns neugierig der Suche nach dem, was in unserer Gesellschaft „krank“ ist, was „krank“ macht und dem, was unsere Gesellschaft als „krank“ kategorisiert. Es geht uns um die politische  Dimension von „Gesundheit und Krankheit“  und darum einen Dialog dazu in der Gesellschaft zu initiieren.
Wir möchten uns mit unseren Erfahrungen diesem Dialog stellen und den Statistiken und Ratgebern künstlerisch anspruchsvolle Theaterstücke entgegenstellen. 

 

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Zitate aus dem Theaterstück:

Wenn man diesen scheiß Krebs bekommt, fragt man sich: Warum ich? Was habe ich falsch gemacht? Wie soll ich dagegen ankämpfen?

Du verabschiedest Dich von der Unschuld, von der Normalität, von der Unbedarftheit, von Deinem alten ich, welches sich mehr um andere gekümmert hat als um sich selbst, von alten Beziehungen, die Dir nicht gut getan haben, ohne dass Du es gemerkt hast,
vom Zucker, vom Alkohol, vom Tabak, vom Genuss, vom Appetit,
davon, dass Du kein richtiger Mann mehr sein kannst, keine richtige Frau, Du verabschiedest Dich  von den ungeborenen Kindern - die Du jetzt nicht mehr haben kannst. 

Ich habe schon vorher nicht geraucht - da ist Nikotin drin, kein Kaffee getrunken - da ist Koffein drin, kein Alkohol getrunken, kein Fleisch gegessen,keinen grünen Tee getrunken und habe trotzdem einen Krebs bekommen.

 

 Sie haben jetzt genau zwei Möglichkeiten: Natürlich können Sie sich zurückwenden und da immer wieder den Schuldigen suchen oder aber Sie gucken nach vorne und Sie übernehmen selbst Verantwortung, nehmen Ihr Leben in die Hand, selbstverantwortlich, und agieren!

Und dann gibt es ein neues Leben. Ein anderes Leben. Du gestaltest Deine Beziehungen, Deine Familie neu, entdeckst tiefe und wahrhafte Freundschaften. Erlebst Unterstützung durch Menschen, von denen Du es nicht erwartest hättest. Gehst auf Weltreise, machst Grenzerfahrungen und überschreitest Grenzen. Der Moment in dem Du lebst, hat beides gleichzeitig. Er ist kurz, knapp und unendlich wertvoll.

Durch die Annahme Deiner Sterblichkeit hat die Angst vor dem Tod keinen Platz mehr. Es liegt an dir, dein neues Leben willkommen zu heißen.

In dem Moment, wo die Hoffnung auf Genesung starb, brach für mich die Welt zusammen und ich fragte „Was jetzt? Was ist denn jetzt die Perspektive? Wie kannst du denn jetzt weiter machen?“ 

Entweder ich akzeptiere den Krebs und schließe Frieden mit ihm! Oder ich akzeptiere ihn nicht und kämpfe gegen ihn!

Birgit war ganz ruhig und souverän „Jetzt zählt einfach jeder Tag, am Ende des Tages frage ich mich, ob es ein guter Tag war
und das ist alles was zählt!“. 


Regie: Jens Vilela Neumann

Text: Jens Neumann und Birgit Oelschläger

Regieassistenz: Lucie Oelschläger

Kostüm und Bühnenbild: Nicole Timm

Musik: Philip Rothkirch

Flyerdesign: Florian Ritter

Es spielen: Chris Simmat, Svenja Beneke, Christiane Richter, Theresa Hoppe, Katrin Becker

Gefördert von: AOK Berlin

In Zusammenarbeit mit: Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V.

Kartenreservierung über pgpassistenz@gmail.com

 

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Aussagen der Schauspielerinnen:

Chrissy: Nachdem einen die Diagnose wie ein Schlag trifft und aus der Bahn wirft, kommt irgendwann die Erkenntnis: Um mit der Sache fertig zu werden, hilft aktives Gestalten der Gegenwart und z. B. eine völlig neue „challenge" - wie es für mich das Theaterspielen ist-, die die Energie anderweitig kanalisieren hilft. Darüber hinaus macht es trotz aufwühlender Momente und Erinnerungen Spaß, gemeinsam mit anderen ein Projekt zu erarbeiten und umzusetzen. 


Lucie: Es ist schön einen geschlossenen Raum zu haben, um über seine Gedanken und Gefühle zu reden, die im Alltag manchmal keinen Platz finden. Und es ist schön, gemeinsam seine Energie in etwas positives zu stecken.

Svenja: Sich über das Medium Theater mit den eigenen Lebensthemen zu beschäftigen, ist für mich ein guter Weg, für Dinge einen Ausdruck zu finden, die eigentlich unaussprechlich sind. Aus der eigenen Kreativität zu schöpfen und sich lebendig zu fühlen. Nicht alleine sondern gemeinsam.


Chris: Obwohl wir in einer angeblich so offenen Gesellschaft leben, wird das Thema Krebserkrankung immer noch tabuisiert. Über Krankheiten redet man nicht, Empathie zeigen fällt schwer. So war die Mitarbeit in diesem Projekt, das Miteinander mit anderen Krebsbetroffenen und die Auseinandersetzung mit der Krankheit auf eine zum Teil spielerische Art wohltuend für mich. Die Ambivalenz zwischen Leichtigkeit und Schwere, Lachen und Nachdenklichkeit bis hin zur Trauer haben bei mir innerlich viele Turbulenzen verursacht, ich war dem Thema Krebs wieder sehr nahe, und das war mitunter sehr schmerzhaft. Vieles habe ich durch dieses Projekt über mich erfahren, und das war auch gut so!!!! Die Auseinandersetzung mit mir selbst war eine sinnreiche Erfahrung für mich.


Theresa: Ich war mir unschlüssig, ob ich an dem Theaterstück mitwirken wollte, habe mir Bedenkzeit genommen, in Ruhe geschaut, die anderen Mitspielerinnen kennengelernt, mich erneut auf die Tiefe des Themas einlassen. Ich wollte mich ausprobieren, etwas für mich Neues machen. Da erschien Theater als eine gute Möglichkeit mich auszudrücken, mir Gehör zu verschaffen, mich mitzuteilen. Ich habe Freunde, Verwandte und Kollegen zu dem Stück eingeladen. Sie sind ebenfalls ein Stück meines Weges mitgegangen und haben mich dabei unterstützt. Ich bin sehr dankbar dafür.


Katta: Da komme ich hin und kann DA sein im Dasein. Mit den anderen spielen und mich ernst nehmen. Hüpfen, springen, schauen, staunen und das hoch konzentriert. Durch... und dann noch einmal ... und noch mal.. und ... dann klappt’s auch mit dem Text. Meine Ecken und deine Kanten, egal wir stemmen das gemeinsam!

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Interview von Chantal Willers mit Jens Vilela Neumann

Herr Neumann, die „sTrotzenden“ sind keine gewöhnliche Krebs-Selbsthilfegruppe. Vielmehr haben Sie gemeinsam mit den Betroffenen das Stück „In der Nähe des Feuers“ entwickelt. Wie haben Sie sich dem Thema Krebs theatralisch genähert?

Wir haben zu Beginn viele Gespräche und Interviews geführt. Daraus haben sich dann Themen ergeben, mit denen wir gemeinsam eine Theatralik entwickelt haben. Ich habe dann versucht, alles zu einem Text zusammenzupacken. Dazu habe ich noch viel Literatur gelesen, aber die Gruppenmitglieder sind meistens schon Experten auf ihrem Gebiet. Für mich erstaunlich war, welche verschiedenen Meinungen sie zu Krebs haben – viel mehr Meinungen als ich vorher gedacht habe. Bei der Frage „Wer ist daran schuld?“ sehen es beispielsweise manche als Strafe, andere sehen die Krankheit als Freund. Deswegen gab es im Prozess immer wieder Überarbeitungen des Stücks. 

Wie wichtig ist die künstlerische Aufarbeitung der Krankheit für die Betroffenen selbst gewesen?

Das ist ziemlich wichtig. Wir haben uns einmal in der Woche für drei Stunden getroffen und gerade am Anfang haben wir die Hälfte der Zeit nur über die Krankheit gesprochen. Auch gegen Ende, als die Proben natürlich viel Zeit in Anspruch genommen haben, mussten wir das beibehalten. Jedoch war es den Schauspielerinnen auch wichtig, irgendwann den klassischen Stuhlkreis zu verlassen und in Aktion zu kommen. In den Gesprächen ging es viel um das „Ich“ – wie gehe ich mit einer meiner Krankheit um. Aber natürlich geht es auch um philosophische Themen. Die Frage der Sterblichkeit ist hier sehr präsent.

Wie war es für Sie als Regisseur, sich mich solchen Fragen so direkt auseinandersetzen zu müssen?

Ich habe mich mit dem Tod als Thema schon vorher beschäftigt. Bei dieser Gruppe aber habe ich alles viel extremer erlebt als jemals zuvor. Die Menschen, die hier vor mir sitzen, sind dem Tod alle schon einmal von der Schippe gesprungen und die Angst, dass der Krebs zurückkommt, ist nahezu omnipräsent. Ich kann nicht sagen, dass ich schon einmal eine so intensive Arbeit erlebt habe. Es war auch für mich extrem emotional, aber die Gruppe hat mich immer wieder aufgefangen.

Wie hat sich Ihr Umgang mit Krebs durch die Arbeit an dem Stück verändert?

Man verliert während der Arbeit die Berührungsangst. Mir ist dabei klar geworden, dass viele über ihre Krankheit sprechen wollen, sich aber nicht bemuttern lassen und nur auf den Krebs reduzieren lassen wollen. Die Krankheit braucht seinen angemessenen Platz. Krebs wird oft als ultimatives Ende wahrgenommen. Ich habe durch die Menschen der Gruppe auch gelernt, dass das nicht so ist. Ich habe wahrgenommen, wie bewusst sie jeden Tag erleben und oft – auch trotz der Einschränkungen, die sich durch die Krankheit haben – eine hohe Lebensqualität haben. Manchmal sogar mehr als gesunde Menschen, die das Leben einfach so leben und sich mehr über Dinge ärgern, als sich zu freuen. Mir selbst hat die Arbeit deswegen auch sehr viel Positives gegeben. Auf jeden Fall habe ich eine Menge über Resilienz gelernt.

Birgit Oelschläger, die Initiatorin der Gruppe und des Stücks, starb während der Arbeiten am Stück an Krebs. Wie hat das die Gruppe und das Stück selbst noch einmal verändert?

Nach Birgits Tod wollte ich den ganzen Text wegschmeißen. Die Leichtigkeit und die Positivität, mit der wir das Thema ja explizit angehen wollten, waren einfach weg. Das mussten wir uns erst wieder erarbeiten. Wir wollten kein Trauerfeier-Stück machen, sondern eines mit Lebensfreude. Einige der Mitglieder haben die Gruppe danach auch verlassen. Der Tod von Birgit war für einige auch zu viel. Es ist eine Sache, über die Krankheit jede Woche zu sprechen, eine andere das so ins Gesicht geschlagen zu bekommen. Besonders ist, dass die Tochter von Birgit im Stück selber mitspielt – für sie war das auch ein Verarbeitungsprozess. 

Wie ist den Schauspielerinnen, die ja alle selbst Betroffene sind, die Aufarbeitung denn gelungen?

Es gab verschiedene Phasen der Auseinandersetzung mit dem Thema. Manchmal haben die Schauspielerinnen ganz klares Feedback gegeben, dass sie eine Runde erst noch sehr stark verarbeiten mussten. Sie wollten für das Stück in eine Rolle schlüpfen, die sie nach der Probe aber auch wieder ausziehen und weghängen können. Das geht häufig nicht so einfach. Es gab viele Momente in denen geweint wurde. Viel Verarbeitung ist aber auch innerhalb der Gruppe gelaufen. Zum Teil haben sie noch stundenlang danach miteinander gesprochen. Hier wurde das zur Selbsthilfe im eigentlichen Sinne. 

Wie kann „In der Nähe des Feuers“ für andere Menschen eine Hilfe für den Umgang mit Krebs sein? 

Das Stück thematisiert auch die Seite der Angehörigen und Freunde, die bei einer so schweren Erkrankung ja ebenfalls betroffen sind. Wir lassen diese hier zu Wort kommen – das ist schon etwas Besonderes. Letztlich soll das Stück allen Menschen, die mit dem Thema Krebs irgendwie konfrontiert wurden, eine Hilfestellung bieten, wie sie damit umgehen können.